Eine Geschichte vom Sein-Lassen

Am Wochenende hatte es mich mit meinem Freund in die Tiefen des Bayerischen Waldes verschlagen: Wir besuchten seine Freunde, die auf einem Bauernhof wohnen, den sie liebevoll neu gestaltet haben. Es war schon längst dunkel, als wir ankamen, doch im Licht des Mondes, der sich durch die Regenwolken wagte, schimmerte er viel versprechend: Stand doch da mitten auf dem Hof ein alter Eicher!

Am nächsten Morgen sah ich mir den 35 PS starken Königstiger aus dem Jahre 1959 genauer an: Deutlich sah man ihm die geleistete harte Arbeit an, an einigen Stellen fehlte der Lack, Rost zeigte sich an vielen Teilen, Erde und Schmutz klebte in seinen Reifen. Meine erste Reaktion war schockiert; Wie konnte man nur einen Eicher Königstiger in diesem Zustand lassen? Immerhin kann der Schlepper mit jedem schmucken Oldtimer mithalten, wenn man ihn ein wenig pflegt!

Ich zog mich zu den Pferden zurück, um nachzudenken. Bravo, die älteste Stute der kleinen Horde, stupste mich an, und gedankenverloren kraulte ich ihre Mähne: Auf dem Hof bekommt sie ihr Gnadenbrot, ist aber noch so fit und willens, dass sie größten Spaß beim Holzschleppen hat. Da geht sie auf, so wurde mir erzählt, da ist Bravo in ihrem Element und wiehert vor Begeisterung. Ich warf einen erneuten Blick auf den Königstiger: Die Sonne spiegelte sich auf seiner abblätternden blauen Lackierung, die trocknende Erde fiel in Klumpen von seinen Rädern. Bald würde der alte Eicher seinen nächsten Einsatz haben, in wenigen Stunden würde er auf dem Acker malochen.

Ich verstand: Die Liebe zu seinem Oldtimer Traktor zeigt sich nicht unbedingt in Sandstrahlen und Neulackieren. Manch einer schätzt gerade dann seinen Schlepper besonders, wenn er ihn noch ranlässt an das, as ihn ausmacht: Die Unterstützung seines Besitzers in Form von Arbeitsleistung auf dem Feld. Nirgendwo anders.

 

 

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